Donnerstag, 14. November 2013

Sicherheit groß geschrieben


Heute möchte ich euch eine Geschichte von Robin Philippo erzählen:

Robin: "Lion Air (indonesische Low-Cost-Fluggesellschaft, Anm. d. Verfassers) ist echt krass! Neulich hat mir ein Gast erzählt, sie waren gerade im Landeanflug auf den Flughafen Gorontalo, als drei Kühe auf der Landebahn rumstanden. Eine Kuh ist nicht weggegangen, der Flieger hat die Landung durchgezogen und das Rindvieh umgemäht. Leider hatte das Fahrgestell des Flugzeugs ebenfalls unter dem Zusammenprall gelitten, weswegen das Flugzeug von der Landebahn abkam und ins Grüne schlitterte.
                                                                                       (Quelle: rimanews.com)
Daraufhin öffneten sich die Notausgänge, es entstand ein völliges Chaos und am nächsten Tag war in der örtlichen Zeitung das Foto eines Kuhkopfes im Fahrgestell des Fliegers zu sehen. Es gab leichtere Verletzungen, nichts tragisches. Was aber ist die interessante Frage dieser Geschichte?", fragt mich Robin und führt den Monolog fort: "Wie kommen, verflucht noch mal, diese Kühe auf die Landebahn des Flughafens?"
                                                                                              (Quelle: pasti.co.id)
Indem er eine weitere Geschichte auspackt, beantwortet Robin seine Frage selbst: "Mir ist mittlerweile völlig klar, es ist ein Kinderspiel für eine Kuh auf die Landebahn des Flughafens von Gorontalo zu gelangen. Mehrere Gründe: erstens ist der Flughafen winzig, zweitens liegt er zwischen lauter Kuhweiden, drittens ist der Zaun, der das Gelände umgibt löchrig und viertens sind die Securitys, wie soll ich sagen, irgendwie lustig unseriös. Das sage ich nicht einfach so daher, nein, ich habe das am eigenen Leib erfahren.

Neulich muss ich von Gorontalo nach Makassar fliegen. Meine Fähre kommt wie immer morgens in Gorontalo an. Der Flieger geht am nächsten Morgen um 6:30 Uhr. Ich muss mich also einen Tag und eine Nacht in Gorontalo herum drücken, da Fähre und Flieger natürlich nicht auf einander abgestimmt sind. Weil ich das Geld für ein Hotel sparen will und den Flughafen von Gorontalo noch nicht kenne, denke ich mir, ich fahre gegen 11/12 Uhr nachts mit einem Taxi zum Airport, penne dort auf einer Liege und fliege morgens entspannt weiter.

Gesagt, getan. Der Taxifahrer schaut zwar etwas seltsam, als ich mitten in der Nacht zu besagtem Ziel will. Er fährt mich aber anstandslos die 20 Kilometer raus zum Flughafen und braust direkt wieder davon, nachdem er mich dort abgesetzt hat. Da stehe ich nun vor einem langem, spärlich beleuchtetem Gebäude, mutterseelenallein. Um mich herum nichts als ein paar Wiesen, umsäumt von Palmen. Schemenhaft brennen ein paar Energiesparlampen im Flughafengebäude. Es wirkt groß von Außen.

Der Haupteingang, verschlossen. Drinnen, niemand. Der Plan, im Flughafen zu nächtigen, ist dahin. Eine Alternative muss her. Langsam erkunde ich mein Umfeld. Hinter der ersten Ecke, vor einer Wand, finde ich eine Bank. Perfekt zum pennen. Es ist heiß. Wir befinden uns  in den Tropen. Ich mache es mir auf der Bank bequem und schlafe sogar ein bisschen.

Ich weiß nicht, wie lange ich schlafe. Lange war es nicht. Plötzlich schrecke ich hoch, fühle mich sehr unwohl. Ich sehe mich umzingelt. Von einer Kuhherde. Im Halbkreis stehen die Rindviecher um meine Bank herum und glotzen mich aus ihren trägen Augen an. Warum weiß ich nicht genau, aber ich bekomme es mit der Angst zu tun. Vielleicht ist es ihre Zahl (es sind gefühlt echt viele), ihre Größe (sie sind gefühlt echt riesig) oder vielleicht die schrägen Umstände. Ich muss da weg. Vorsichtig greife ich meinen Rucksack, stehe langsam auf, schiebe mich Schutz suchend mit dem Rücken an der Wand entlang, die Kühe nicht aus den Augen lassend.

Nach kurzer Zeit erreiche ich eine Tür, einen Notausgang. Leicht panisch drücke ich dagegen. Die Tür springt auf. Ich quetsche mich hinein und schlage sie schnell zu. Sicherheit. Mein Atem beruhigt sich. Kein Kühe mehr. Doch wo bin ich gelandet? Ich schaue mich um. Es ist ein eng wirkender, länglich schlauchiger Raum, in sterilem Weiß gestrichen. Links von mir ist es etwas heller. Eine Glasvitrine mit Snacks und ein Kühlschrank mit Getränken beleuchten das Umfeld.
                                                                                        (Quelle: Robin Philippo)
Weiter hinten im Dunkeln sind zwei Check-In-Counter zu sehen, genau wie ein paar abgegriffene, mechanische Waagen. Ich bin mitten im "Flughafengebäude". Es wirkte von Außen, wie schon gesagt, deutlich größer als jetzt von Innen. Die Stimmung ist seltsam. Ich, alleine, im Flughafen, der gespenstisch leer ist, obwohl hier und da ein paar Lichter brennen. Es ist, als könne jeden Moment eine Wache um die Ecke biegen. Eine Kakerlake läuft mir über den Weg und eine Katze. Ganz alleine bin ich wohl nicht.

Ich wandere umher, erkunde mein Umfeld, was nicht sehr lange dauert. Es ist ein kleines Umfeld. Mir ist langweilig. Zum Schlafen bin ich zu aufgekratzt. Es wird Zeit, mein Situation zu dokumentieren und ein kleines Filmchen zu drehen. Und so spaziere ich durch den Wartesaal, den Check-In-Bereich, den Securitybereich, mit der Kamera in der Hand.
                                                                                        (Quelle: Robin Philippo)

Der Securitybereich mit seinen Metalldetektoren hat es mir besonders angetan. Ich stelle meine Kamera auf und mache einige Selbstporträts: ich checke mich selbst mit dem Metalldetektor; ich, auf dem Laufband des Röntgenapparates sitzend.
                                                                                       (Quelle: Robin Philippo)
                                                                                       (Quelle: Robin Philippo)
                                                                                      (Quelle: Robin Philippo)
Und auf einmal steht er da: Der Wachmann, in zivil, mit einer New York Yankees-Cap auf, wild gestikulierend, auf Bahasa schimpfend. Ich verstehe nix von dem, was der Mann von mir will. Er ist laut. Ich versuche die Situation zu beruhigen, in dem ich das Laufband des Röntgenapparates verlasse und meine drei Brocken Bahasa raus krame. Also grüße ich ihn höflich und wünsche ihm einen guten Abend (damit erschöpft sich mein Repertoire). Als er mitkriegt, dass ich seine Sprache benutze, hellen sich seine Gesichtszüge merklich auf, seine Stimme wird 20 Dezibel leiser und er bietet mir eine Zigarette an. Die Gemüter kühlen runter, während wir gemeinsam unter einem „no smoking-Schild“ qualmen.

Kurze Zeit später fragt er mich in zerbrochenem Englisch, was denn in meinem Rucksack sei und ob wir ihn uns nicht mal gemeinsam im Scanner anschauen möchten. Warum nicht? Es entwickelt sich ein lustiges Spiel daraus. Er teilt mir seine Vermutung mit, welche Gegenstände in dem Rucksack seien und ich sage dazu richtig oder falsch. Meistens liegt er daneben.
                                                                                       (Quelle: Robin Philippo)
Dann frage ich ihn, ob er nicht mal ein Foto von mir machen könne, während ich im Scanner liege und durchleuchtet werde. Grinsend sagt er, dass sei lebensgefährlich und ginge auf gar keinen Fall. Nach einer Minute bequatschen, habe ich ihn soweit, ohne Durchleuchten allerdings, denn das ist tatsächlich extrem ungesund. Der Sicherheitsmann bekommt meine Kamera und knipst lustig drauf los, dabei amüsiert er sich sehr. Ich mich auch.
                                                                                        (Quelle: Robin Philippo)
So vergeht die Zeit. Wir rauchen gemeinsam, irgendwann kommt ein Kollege von ihm. Beide sehen irgendwie ein bisschen bubihaft aus. Was soll´s? Es wird Morgen. Draußen vor dem Haupteingang stehen die ersten Passagiere. Fragende Gesichter wollen wissen, wie es sein könne, dass ich schon im Gebäude bin. Tja, denke ich mir, das ist eine lange Geschichte.
                                         Die Sicherheitsbeauftragten (Quelle: Robin Philippo)
Ich zünde mir eine weitere Kippe an. Daraufhin wird mein Freund der Securitymann ganz aufgeregt: „No more smoking now inside!“ Ich drücke die Ziese aus und meine: „Okay, no problem!“ Die Zeiten haben sich geändert. Jetzt sind die Securitys wieder voll auf ihrem Posten.

Aber vielleicht verstehst du jetzt, warum es ein Leichtes für eine Kuh ist, auf die Landebahn vom Flughafen Gorontalo zu kommen.“

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